DZG-Auswertung: Gastwelt-Lobby in Berlin nur bedingt konkurrenzfähig

18. April 2024 – Denkfabrik Zukunft der Gastwelt (DZG)

Denkfabrik analysiert erneut Lobbyregister – Spitzenverbandsebene größte strukturelle „Baustelle“ 

Eine neue Auswertung des Lobbyregisters durch die Denkfabrik Zukunft der Gastwelt (DZG) hat auch in diesem Jahr einige strukturelle Defizite in der Interessensvertretung der Tourismus-, Hospitality-, und Foodservice-Industrie (Gastwelt) aufgezeigt. „Unsere aktualisierten Zahlen unterstreichen, dass die gleichzeitige Arbeit von insgesamt 110 verschiedenen Akteuren dazu führt, dass wir politisch ineffektiver kommunizieren als andere Branchen“, bilanziert Vorstandssprecher Dr. Marcel Klinge. „Um das zu ändern und dauerhaft mehr Einfluss in Berlin zu bekommen, ist es aus unserer Sicht notwendig, dass alle Player – ob Fachverbände, Denkfabriken oder Unternehmen – enger zusammenarbeiten und sich bei strategischen Anliegen besser koordinieren“, so der ehemalige Bundestagsabgeordnete. 

Der Deutsche Bundestag hat Anfang 2022 aus Transparenzgründen ein zentrales Lobbyregister eingeführt, in das sich mit wenigen Ausnahmen alle Interessenvertreter eintragen müssen. Die DZG hatte das Verzeichnis im vergangenen Jahr erstmals für die Gastwelt-Sektoren Tourismus, Travel, Hospitality, Catering und Foodservice analysiert und die Daten im März 2024 nun aktualisiert. Die Auswertung identifiziert 78 verschiedene Fachverbände, einen Dachverband und eine Denkfabrik. Hinzukommen weitere 30 Unternehmen, die in der Bundeshauptstadt Lobbyarbeit betreiben. Klinge: „In Summe sind damit 110 Akteure mit unterschiedlichen politischen Botschaften und Zielen in Berlin unterwegs – dadurch gibt es naturgemäß viele Reibungsverluste“. 

In ihrer Analyse kommt die Denkfabrik zu drei zentralen Erkenntnissen: 1.) Im Vergleich zu den drei ausgewählten Referenzbranchen sind für die Gastwelt deutlich mehr Akteure in der politischen Interessensvertretung unterwegs als üblich: Im Handwerk sind dies 18 identifizierte Organisationen, in der Automobilindustrie elf und in der Versicherungswirtschaft 16. „Die große Vielfalt führt am Ende aber nicht dazu, dass die Interessen der Tourismus-, Hospitality- und Foodservice-Industrie in allen Teilen der Politik ausreichend wahrgenommen werden“, so Klinge. Eine aktuelle DZG-Umfrage zum Image der Gastwelt unter allen Bundestagsabgeordneten, die im Mai 2024 veröffentlicht wird, unterstreicht diese Einschätzung weiter noch einmal.

2.) Die hohe Fragmentierung der Lobbyarbeit zeigt sich auch mit Blick auf die Beschäftigten pro Verband oder Unternehmen: Von allen 110 Gastwelt-Akteuren gaben 91 an, ein bis zehn Mitarbeitende für die Interessensvertretung zu beschäftigen, inklusive des Dachverbandes BTW.: „Für die Vergleichsbranchen arbeiten hingegen in zwei von drei Fällen weit über 100 Personen auf Dachverbandsebene. Selbst wenn die fünf größten Fachverbände, der BTW sowie die DZG, auf dem Papier zusammengerechnet werden (in Summe sind das 65 Beschäftigte), kommt die Gastwelt nicht annährend auf die Personalstärke des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (155 Personen) oder des Verbandes der Automobilindustrie (115 Personen)“, so Klinge. Vor diesem Hintergrund liege die aktuell größte ‚Baustelle‘ eindeutig auf Dachverbandsebene – personell wie finanziell. 

3.) Die DZG-Auswertung weist auch in diesem Jahr wieder eine generelle Unterfinanzierung der Gastwelt-Lobby im Vergleich zu anderen Branchen aus: Während alle verbandlich organisierten Akteure zusammen 5,7 Millionen Euro für Lobbyarbeit ausgeben, stehen z.B. allein dem Dachverband der Versicherungswirtschaft über 15,3 Millionen Euro pro Jahr zur Verfügung. 

„Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Interessensvertretung der Tourismus-, Hospitality- und Foodservice-Industrie derzeit nur bedingt konkurrenzfähig ist. Vor diesem Hintergrund sollten wir die vorhandenen Mittel effektiver bündeln – etwa durch Kooperationen oder sogar Fusionen. Hier liegt ungenutztes Potenzial. Außerdem muss die Dachverbandsebene deutlich gestärkt werden, wenn unser Dienstleistungssektor in Berlin auf dieser Ebene wettbewerbsfähig sein soll“, betont DZG-Sprecher Klinge.

Methodische Hinweise:

Die durchgeführte Datenerhebung und Ad-hoc-Analyse des Lobbyregisters fand im März 2024 statt und erhebt nicht den Anspruch, eine punktgenaue Auswertung zu sein, da dies aufgrund des besonderen Registeraufbaus per se nicht möglich ist. Es handelt sich hierbei vielmehr um eine kursorische Übersicht und eine quantitative Annährung an die Lobbyaktivitäten der Gastwelt in Berlin. Durch die in Jahr 2024 vom Deutschen Bundestag eingeführten Änderungen im Lobbyregister sind die ausgewerteten Daten in Teilen schon deutlich präziser als noch 2023. 

Hintergrund

Gastwelt

Die Gastwelt ist ein vom Fraunhofer IAO und der Denkfabrik im Jahr 2022 neu konzipierter Dienstleistungssektor, der Gastlichkeit und Lebensqualität als gemeinsames Serviceprodukt in den Mittelpunkt stellt. Die Gastwelt ist durch ihre 250.000 mittelständischen Betriebe eine tragende Säule der deutschen Wirtschaft und mit 6,2 Millionen Mitarbeitenden der zweitgrößte Arbeitgeber Deutschlands. Sie setzt sich aus den Gastwelt-Sektoren Beherbergung, Gastronomie, Foodservice, Tourismus und Freizeitwirtschaft zusammen und prägt damit den Alltag von Millionen Menschen. Als Arbeitgeber, Standortfaktor und Innovationsmotor trägt die Gastwelt maßgeblich zur wirtschaftlichen Stabilität bei und schafft als #HerzUnsererGesellschaft Orte der Begegnung und des sozialen Miteinanders. Ihre enge Verzahnung mit Handel, Mobilität, Digitalisierung und Infrastruktur macht sie zu einer unverzichtbaren Querschnittsbranche mit Millionen Arbeitsplätzen und hoher Standorttreue.

DZG

Die 2021 gegründete Denkfabrik Zukunft der Gastwelt (DZG) vernetzt auf Bundesebene Politik, Wissenschaft, Verbände und hochkarätige Vertreter aller Wertschöpfungssektoren der Gastwelt (Tourismus, Hospitality, Foodservice & Freizeit). Der interdisziplinäre und überparteiliche Thinktank fokussiert sich inhaltlich auf strategische Zukunftsthemen – wie Arbeitskräftesicherung, Wettbewerbsfähigkeit, Nachhaltigkeit, Digitalisierung und KI – und entwickelt praxisnahe Maßnahmen zur effektiveren Krisenbewältigung.

Die über 200 Mitgliedsunternehmen und Partner der Spitzenorganisation (wie z.B. die Radeberger Gruppe, Deutsche Bahn, Unilever Food, Motel One, Transgourmet, Metro, Center Parcs, Dorint, Bioland, Dussmann, NordCap, Best Reisen, FlixBus, Booking.com, Gerolsteiner) beschäftigen zusammen über 740.000 Mitarbeitende in allen Regionen Deutschlands. Außerdem engagieren sich über 20 führende Verbände und Organisationen aus allen fünf Gastwelt-Sektoren (wie z.B. die Hoteldirektorenvereinigung Deutschland HDV, der Verband Deutscher Freizeitparks VDFU, der Verband Internet Reisevertrieb VIR, der Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmen, die Deutsche Barkeeper-Union DBU, die Jeunes Restaurateurs Deutschland JRE, der Industrieverband Haus-, Heiz und Küchentechnik HKI) in der DZG.